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Frauenherzen leiden anders
13.04.2021

Frauenherzen leiden anders

Wir alle kennen Geschichten über die berüchtigte „Männergrippe“, die das vermeintlich starke Geschlecht in die Knie zwingt und viel größeres Leid verursacht als ein grippaler Infekt bei Frauen.

Zwar ist die „Männergrippe“ bis heute nicht eindeutig wissenschaftlich belegt und dient eher dazu, im Alltag für das ein oder andere Schmunzeln zu sorgen. Es lohnt sich aber dennoch, die Unterschiede der Geschlechter medizinisch genauer zu betrachten. Denn tatsächlich zeigen neue Forschungen, dass einige Erkrankungen bei Männern und Frauen unterschiedlich verlaufen.

Diese Unterschiede zu erforschen, darüber aufzuklären und passende Therapieansätze zu finden ist Aufgabe der sogenannten Gendermedizin. Einige geschlechtsspezifische Unterschiede von Krankheiten betreffen beispielsweise unser Herz. Erfahren Sie hier, was die Gendermedizin eigentlich ist und inwiefern sie zeigt, dass Männer- und Frauenherzen anders leiden.

Was ist eigentlich Gendermedizin?

Lange Zeit orientierte man sich in der Medizin an männlichen Standards. So wurden Krankheiten, Therapien und Medikamente an Männern erforscht und die Ergebnisse 1:1 auf Frauen übertragen. Dabei können sich Wirkung und Nebenwirkungen von Arzneimitteln bei Frauen teilweise deutlich unterscheiden.

Die Gendermedizin, ist eine recht junge Fachrichtung, die erstmals in den 1990ern aufkam. Sie beschäftigt sich mit dem Einfluss des Geschlechts auf die Prävention, Entstehung, Diagnose, Therapie und Erforschung von Erkrankungen. So können beispielsweise Symptome sowie Risikofaktoren für die Entstehung und den Verlauf einer Erkrankung nach Geschlecht variieren. Die Unterschiede sind aber nicht nur biologisch, zum Beispiel durch Genetik oder hormonell, begründet.

Sie können sich auch aus einem anerzogenen Rollenverständnis oder durch die Lebensumstände ergeben. So haben Frauen und Männer eventuell ein anderes Vorsorgeverhalten, nehmen Präventionsangebote unterschiedlich häufig wahr.

Ziel der Genderforschung ist eine Verbesserung der Qualität der medizinischen Versorgung für beide Geschlechter, durch ein höheres Bewusstwerden dieser geschlechtsspezifischen Unterschiede. Die Fachorganisation, die sich in Deutschland um die Belange der Gendermedizin kümmert, ist die Deutsche Gesellschaft für Geschlechtsspezifische Medizin (DGesGM).

Mehr Informationen zum Thema Gendermedizin auch in unserem Artikel: Gendermedizin - was ist das?

Herzerkrankungen: Mehr Männer erkranken, doch mehr Frauen sterben

Bei den Herzerkrankungen und deren Verlauf sind die Unterschiede zwischen Männern und Frauen besonders deutlich. Sie kommen zum Beispiel bei Männern häufiger vor als bei Frauen.

Im Deutschen Herzbericht der Deutschen Herzstiftung werden jährlich Daten zu den häufigsten Herzkrankheiten wie beispielsweise Koronare Herzkrankheit, Herzinfarkt oder Herzinsuffizienz erhoben. Das aktuelle Ergebnis: Von den im Herzbericht 2019 erfassten kardiologischen Diagnosen aus dem Jahr 2018 entfallen insgesamt 58 Prozent auf Männer und 42 Prozent auf Frauen.

Allerdings war die Sterblichkeit bei Frauen insgesamt höher. Von den Patienten, die an einer der im Deutschen Herzbericht dargestellten Herzkrankheiten gestorben sind, waren 48,3 Prozent Männer und 51,7 Prozent Frauen.

Herzinfarkt: Was sind die Risikofaktoren?

Zu den Risikofaktoren für einen Herzinfarkt gehören:

Die Besonderheit bei weiblichen Patientinnen: Unter anderem treten bei ihnen die Risiken häufiger in Kombination mit anderen Risikofaktoren auf, zum Beispiel Übergewicht und Diabetes mellitus, oder wirken sich negativer aus als bei Männern. So ist zum Beispiel das Risiko, an einer Koronaren Herzerkrankung zu sterben, für Frauen mit Diabetes mellitus um 50 Prozent höher als für betroffene Männer.

Frauen erkranken später

Bei Frauen treten Herzinfarkte, der medizinische Fachbegriff lautet Myokardinfarkt, durchschnittlich 15 Jahre später auf als bei Männern. Ein Grund dafür ist die verminderte Bildung der weiblichen Geschlechtshormone (Östrogene) nach den Wechseljahren.

Östrogene regeln unter anderem den weiblichen Zyklus und sind an unterschiedlichen Stoffwechselprozessen beteiligt. So wirken sie erweiternd auf die Blutgefäße, können vor der Bildung von Ablagerungen (Plaque) in den Gefäßen und somit vor einer koronaren Herzerkrankung schützen.

Nach den Wechseljahren lässt dieser Hormonschutz nach. Außerdem werden Herzinfarkte bei Frauen oft später erkannt. Das hängt auch damit zusammen, dass Frauen ihr Infarktrisiko häufig unterschätzen und bei ihnen die Symptome sehr unspezifisch sein können.

Unterschiede bei den Symptomen

Die „typischen“ Symptome für einen Herzinfarkt, wie starke Schmerzen, auch Vernichtungsschmerz genannt, und Engegefühl in der Brust, werden eher bei Männern als bei Frauen beobachtet. Bei Patientinnen zeigen sich häufig auch andere, eher unspezifische Symptome:

  • Kurzatmigkeit / Atemnot
  • Schweißausbrüche
  • Rückenschmerzen
  • Übelkeit
  • Erbrechen
  • Schmerzen im Oberbauch
  • Ziehen in den Armen
  • Unerklärliche Müdigkeit
  • Depressionen

So kann es passieren, dass die Symptome nicht als Herzkrankheit erkannt, sondern als Teil einer Magenverstimmung gedeutet werden.

Ein weiteres Risiko: Viele Frauen leben im Alter allein, haben weniger Möglichkeiten im Notfall Hilfe zu rufen oder scheuen sich davor, da sie aufgrund der – für sie eher harmlosen Beschwerden – niemandem zur Last fallen wollen.

Auch ist die Diagnostik bei Frauen schwieriger. Zum Beispiel orientieren sich die Grenzwerte für bestimmte Blutwerte, die auf einen Herzinfarkt hindeuten können, an männlichen Standards und die Befunde aus Belastungs-EKGs sind bei Frauen weniger eindeutig.

Gibt es Unterschiede in der Behandlung?

Generell erhalten Frauen und Männer mit Herzkrankheiten die gleichen Behandlungen. Das gilt auch für Medikamente und deren Dosierung.

Allerdings können einige Herzmedikamente bei Frauen weniger wirksam sein. Außerdem können bei ihnen häufiger Nebenwirkungen auftreten. Mögliche Gründe: Unter anderem haben Frauen eine andere Fettverteilung im Körper und eine niedrigere Nierenfunktion als Männer. Das führt dazu, dass Medikamente im weiblichen Körper anders verstoffwechselt werden.

Allerdings sind Frauen in großen klinischen Studien immer noch unterrepräsentiert. Diese Lücke zu schließen ist ein weiteres Anliegen der Gendermedizin.

Prävention ist immer noch das Beste

Auch wenn wir im Bereich der Gendermedizin sicher in den nächsten Jahren noch einige wichtige Ergebnisse erwarten dürfen, bleibt es bei dem Grundsatz: Prävention ist besser als Rehabilitation.

Für beide Geschlechter gilt es daher, in Sachen Gesundheit und Veränderung der Risikofaktoren sollten Sie am besten selbst aktiv werden und alle Möglichkeiten der Prävention und Vorsorge aktiv nutzen. Als Ihr privater Krankenversicherer kümmern wir uns darum, Ihnen den medizinischen Fortschritt zugänglich zu machen.


Herzinfarkt: Was tun im Notfall?

Wichtig: Keine Zeit verlieren! Jede Minute kann über Leben oder Tod entscheiden. Wenn die Beschwerden in einem bisher nicht gekannten Ausmaß auftreten, sollten Sie direkt den Notruf wählen – lieber einmal zu viel als einmal zu wenig!

Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) empfiehlt folgende Schritte, wenn Sie einen Herzinfarkt bei einer Person beobachten:

  • Sofort die 112 anrufen und den Rettungsdienst alarmieren.
  • Überprüfen Sie, ob die Person bei Bewusstsein ist, atmet und sonstige Lebenszeichen von sich gibt, zum Beispiel ansprechbar ist. Wenn die Person nicht reagiert und sich der Brustkorb nicht bewegt, liegt mit großer Wahrscheinlichkeit ein Herz-Kreislauf-Stillstand vor.
    Beginnen Sie mit der Herz-Lungen-Wiederbelebung (Herzdruckmassage) und führen Sie sie so lange durch, bis der Rettungsdienst eingetroffen ist. Eine Anleitung für eine Herzdruckmassage finden Sie hier.
  • Ist die Person bei Bewusstsein, erleichtern Sie ihr die Atmung: Achten Sie auf eine erhöhte Sitzposition in einer möglichst ruhigen Umgebung. Öffnen Sie enge Kleidung. Vermeiden Sie Unruhe, Hektik und Anstrengung für den Patientin oder die Patientin.
  • Lassen Sie die Person nicht allein, bis der Rettungsdienst eintrifft. Es könnte sein, dass es doch noch zu einem Herz-Kreislauf-Stillstand kommt.

Mehr Informationen vom DRK zum Verhalten im akuten Notfall finden Sie hier.


Quellen:

Websites der Ärztezeitung:

https://www.aerztezeitung.de/Medizin/Der-kleine-Unterschied-ist-groesser-als-gedacht-226976.html Letzter Zugriff am 03.02.2021

https://www.aerztezeitung.de/Medizin/Viele-Frauen-unterschaetzen-ihr-Herzinfarkt-Risiko-229086.html Letzter Zugriff am 03.02.2021

Deutscher Herzbericht 2019, Frankfurt am Main Oktober 2020, Herausgeber Deutsche Herzstiftung e.V.

https://www.herzstiftung.de/system/files/2020-11/DHB19_Herzbericht_2019.pdf, Letzter Zugriff am 03.02.2021

Websites der Deutschen Herzstiftung e.V.

https://www.herzstiftung.de/service-und-aktuelles/presse/pressemitteilungen/herzbericht-2020-herzmedizinische-versorgung, Letzter Zugriff am 03.02.2021

https://www.herzstiftung.de/infos-zu-herzerkrankungen/herzinfarkt/anzeichen/herzinfarkt-frauen-symptome, Letzter Zugriff am 03.02.2021

https://www.herzstiftung.de/infos-zu-herzerkrankungen/herzinfarkt/ursachen, Letzter Zugriff am 03.02.2021

https://www.herzstiftung.de/infos-zu-herzerkrankungen/herzinfarkt/erste-hilfe, Letzter Zugriff am 03.02.2021

Website des Helmholtz Zentrums München, Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt

https://www.helmholtz-muenchen.de/herzschlag-info/risikofaktoren/uebersicht/index.html , Letzter Zugriff am 03.02.2021

Regnitz-Zagrosek, V.; Espinola-Klein, C. Schlagen Frauenherzen anders? Geschlechtsunterschiede in Manifestation, Diagnostik und Therapie der koronaren Herzerkrankung. In: Thieme: Kardiologie up2date (2006)

https://www.dhzb.de/fileadmin/user_upload/deutsche_Seite/wissenschaft_forschung/gim/SchlagenFrauenherzenAnders.pdf, Letzter Zugriff 03.02.2021

Robert Koch-Institut (Hrsg) (2020) Gesundheitliche Lage der Frauen in Deutschland. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Gemeinsam getragen von RKI und Destatis. RKI, Berlin

https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GBEDownloadsB/Gesundheitliche_Lage_der_Frauen_2020.pdf;jsessionid=B9B578F0913D3CFCCBE7284C106B70E2.internet091?__blob=publicationFile, Letzter Zugriff 03.02.2021

Website der Deutsche Gesellschaft für Geschlechtsspezifische Medizin (DGesGM):

https://www.dgesgm.de/, Letzter Zugriff 03.02.2021

Website vom Deutschen Roten Kreuz (DRK):

https://www.drk.de/hilfe-in-deutschland/erste-hilfe/herzinfarkt/, Letzter Zugriff 03.02.2021

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